Die Trasse der “Via Prìula” in historischen Dokumenten
Ezio Birondi
“Die Strada Nova beginnt an der Porta di S. to Lorenzo in Bérgamo, und führt durch das Tal Valle Brembana über eine Länge von 35 Meilen weiter, bis zu den Grenzen des Veltlins, das den Herren von Graubünden unterstellt ist, wo sich der Staat der Republik Venedig von dem der genannten Herren auf dem Gipfel des Bergs Monte del Giogo scheidet, und bis zu diesem Ort und dem oben genannten Gipfel führt die besagte Strasse im Staate Venedigs weiter, so einfach und kommod, dass man sie mit Lastpferden und auch mit Karren und Kutschen passieren kann, so ihre Breite es denn gestattet (...). Ein Werk des verehrten Herrn Alvise Priuli, Bürgermeister von Bérgamo im Jahre 1592, bei dem sie vom hochverehrten Senat bestellt wurde, sehr zu seinem Lobe und Ruhm, denn er liess diese Strasse mit bewundernswerter Geschwindigkeit und Umsicht errichten, wobei er nicht allein die unendlichen Kalamitäten zu überwinden hatte, welche sich wegen der Rauheit der Berge wie ebenfalls anlässlich anderer Gegebenheiten dort zutrugen; indem er sie in den Bergen ebnete, wo sie zuvor wegen der Auf- und Abstiege sehr schwierig war, und welche man auch sperren und verengen kann, ganz nach Anlass und Gutdünken des Fürsten, inmitten von Felsen und emporragenden Spitzen, die darüber stürzten, wie ebenso beim Auftreiben des Geldes ohne Unkosten für die Öffentlichkeit, zumal er es mit Geschick nicht nur von allen Gemeinden bekommen hatte,
denen der Handel über diese Strasse offensichtlichen Nutzen erbringt, sondern auch von allen Gemeinden dieses Territoriums, wobei er des weiteren mit Spenden nachhalf, die dem öffentlichen Interesse keinen Abbruch taten.”
“Ausgehend von der Porta di S. to Lorenzo, jenseits dieses Tors, liegt ihr gegenüber, am Ende der Strasse, und am Belloardo, ebenfalls S. to. Lorenzo, ein solch erhöhtes Territorium in Form eines Ritters, von beträchtlichem Interesse wegen der Festung, und bebaut mit Häusern, die vom örtlichen Herrn errichtet wurden.
Begeht man diese Strasse weiter und die Kirche S. Rocco passierend, bleibt ein weiteres Stück von Rizzolo bis zur Morla-Brücke, das auf Kosten der Stadt erneuert und fortgesetzt werden muss.”
Von der Ortschaft Pontesecco aus erreichte die kurvenreiche Strasse den Hügel colle della Ramera, wand
sich dann bis zur “La Petos” genannten Kirche hinab und führte nach Petosino hinein. Die Strecke, die zur
Schenke und zur (heute noch existierenden) Poststation “della Brughiera” führte, lag auf einem weichen, fast
sumpfi gen Boden. Im Juli 1807 wurde so ein Erdwall aufgeworfen, über den die Fahrbahn dann geleitet wurde.
Gleich nach dem Wirtshaus “della Brughiera” teilte sich die Strasse in zwei Abzweigungen. Links führte sie in Richtung des Zentrums von Almè und dann zu den “Ghiaie di Almenno”, und allgemein ins Valle Imagna weiter. Rechts wand sie sich kurvenreich zur der den Opfern der Pest gewidmeten Kirche Chiesetta dei Morti von Villa d’Almè und erreichte dann die Umleitung nach Bruntino, stieg wieder steil nach Ronco Alto an und schliesslich mit einer breiten Kurve wieder ab, wobei sie die Pfarrkirche von Villa d’Almè streifte. Von Villa d’Almè aus und deutlich losgelöst von der ursprünglichen Trasse, trat sie einen schwierigen und gefährlichen Trakt an, der zwischen “Ventulosa” und dem Ort Campana lag. Nach
den Ende September des Jahres 1592 begonnenen Arbeiten wurde die Stätte “Chiavi della Botta” genannt. Nach Überquerung der Brücke über dem Wildbach Giongo stieg die Strasse im Dorf Botta steil an, durchquerte es und stieg dann wieder hinuter, um auf einer über der jetzigen liegenden Geländehöhe die Orte Lisso und Sedrina zu erreichen. Bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts existierte nur das heute Sedrina Alta genannte Viertel; die Strasse durchquerte es, um dann mit zwei Serpentinen zu den berühmten Brücken hinunterzusteigen.
Nach der Durchquerung von Zogno führte die Strasse unter dem Laubengang der Santuario della Madonna della Foppa hindurch, stieg hinunter am Brembo entlang, um dann mit starker Steigung wieder auf die Höhe des Ortsteils Tre Fontane anzusteigen; wobei sie auf einer kaum über der heutigen Staatsstrasse 470 liegenden Höhe verlief, den Ortsteil Angelini durchquerte, nach Tiolo anstieg und dann mit einigen Höhenunterschieden bis nach Ruspino fortführte. In S. Pellegrino führte die Strasse unterhalb der Kirche vorbei, die damals im Vergleich zu heute in die umgekehrte Richtung blickte. Nach Durchquerung des Tals Valle degli Zocchi schlug die Strasse die Bogengänge “della Caneva” ein, die nach der dort eröffneten Kantine benannt wurden, und führte über S. Giovanni Bianco bis nach Rinate, jeweils am rechten Ufer des Flusses, weiter.
"Ich blieb in Bérgamo bis Mittwoch einschliesslich, reiste am Tag danach, dem 28. August gegen 11 Uhr morgens ab und gelangte in ein S. Giovanni genanntes Dorf im Tal Valle Brembana, gegen 6 Uhr abendS.
Dieses Dorf ist 16 Meilen von Bérgamo entfernt und, um dort zu gelangen, durquerte ich ein anderes Zogno genanntes Dorf, das von Bérgamo 12 Meilen entfernt ist.“ So beschreibt Thomas Coryat, die Strecke von Bérgamo nach Zogno in seinem Reisetagebuch „My Observations of Bérgamo“ aus dem Jahr 1609.
Kurz hinter S. Giovanni Bianco stieg die alte Trasse („Via Mercatorum“) an, um den Cornello zu erreichen und schnell wieder in Richtung Orbrembo abzusteigen. Priuli liess die „Strada Nova“ weiter unten verlaufen und umging dabei den Ausläufer des Cornello, indem er sie über eine den Fluss einfassende Trockenmauer führte. Die Strasse ging nach Camerata, vorbei an „La Goggia“ weiter und erreichte dann Lenna; von hier aus stieg sie bis zum Ort Piazza Brembana an, durchquerte dessen Zentrum, wie man noch heute erkennen kann, und führte dann weiter nach Olmo, wobei sie unterhalb des „Corna di Fröla“ verlief. Olmo liegt an der Konfl uenz des Tals „Val di Averara“ (Val Mora), wo sich eine Abzweigung der „Via Mercatorum“ in Richtung des Veltlins und des Tals „Val de l’Olmo“ fortsetzte, das von Priuli gewählt worden war, weil es günstiger gelegen und weniger steil, daher leichter zugänglich war. Folgen wir weiter der Reiseroute von Thomas Coryat, erreichen wir den S. Marco Pass: „Ich verliess S. Giovanni am nächsten Tag, den 29. August, um etwa 7 Uhr morgens, und erreichte eine Ortschaft auf dem Monte Ancona, die Mezzolto hiess, gegen 6 Uhr abends, wobei ich an jenem Tag zirka 11 Meilen zurücklegte. Ich kam an weiteren zwei Ortschaften zwischen S. Giovanni und Mezzolto vorbei, deren erste Piazza genannt wird, wo ich mit einem gewissen Sclavoniaus zu Mittag ass, welcher mir mitteilte, dass vor fünf Tagen nicht weit entfernt fünf Banditen festgenommen worden waren (...). Das andere Dorf heisst Ulmo, 3 Meilen von Mezzolto entfernt. Nach einer halben Meile Fussweg, nahm ich hinter Ulmo den Anstieg des Monte Ancona in Angriff, der auch Monte S. Marco genannt wird, ein sehr hoher, schwierig zu besteigender Berg.“ „Ich verliess Mezzolto am nächsten Tag, den 30. August, um etwa 6 Uhr morgens, und erreichte eine Ortschaft gegen 8 Uhr abends, die Campo genannt wird und etwa 23 Meilen von dem herrlichen Tal Valle Tellina entfernt ist, das gewönlich auch Veltlin genannt und im Lande der Graubünden ist. Mezzolto ist 4 Meilen vom S. Marco-Gipfel entfernt und dort befi ndet sich einen Gasthof, der die Obergrenze des Staates der Republik Venedig bis zum genannten Gipfel kennzeichnet, d.h. nicht weniger als 174 Meilen. Die laufende Währung dieses gesamten Territoriums ist die der Republik Venedig.“
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