Die Tabula Peutingeriana
In der Nationalbibliothek von Wien wird der Codex Vindobonensis aufbewahrt, die Kopie eines kartographischen Dokuments aus dem zwölften Jahrhundert, das die zu Zeiten des Römischen Reichs bekannte Welt zeigt. Die Karte, ein über sechs m langes Pergament, wurde 1507 von einem Bibliothekar des Kaisers Maximilian I. einem gewissen Konrad Celtes gefunden, und nach dem zweiten Eigentümer Konrad Peutinger genannt.
Im erhaltenen Teil des Dokuments sind die Orte an der Trasse der “Via Spluga” entlang, und insbesondere die Stationen Clavenna, Tarvesede (Campodolcino), Cunus Aureus (in der Nähe des Splügenpasses), Lapidaria (wahrscheinlich bei Andeer), und Curia (Chur), sowie jeweils die entsprechenden in römischen Meilen gemessenen Entfernungen angegeben.
Wallfahrtskirche und Kapelle S. Guglielmo
1327 wurde ein kleine Kirche über der Grotte errichtet, in der der Eremit Guglielmo lebte, von dem die heutige historische Kritik annimmt, dass es sich dabei um Guglielmo de Orezia handelte, ein Eremit, der die Bewohner von Chiavenna 1256 zum Frieden ermahnte, 1290 starb und den der Volksmund für heilig hielt. Die Kirche, Ziel und Durchzugsort für Wallfahrer, wurde 1613-16 vergrössert und mit Fresken von Giovan Battista Macolino dem Älteren (1650) und Giovan Battista Macolino dem Jüngeren (1672) ausgeschmückt; hinter dem schmiedeeisernen Gitter, das das Presbyterium (1642) unterteilt, wird heute noch die Fahne der antiken Gemeinde des Tals ausgestellt. In der Mitte der Fahne thront das Bild des Heiligen Giacomo il Maggiore (Jakobus d. Älteren), mit den Insignien, die ihm als Patron der Wallfahrer zustehen.
Wallfahrtskirche von Gallivàggio
Die Wallfahrtskirche erhebt sich an dem Ort, an dem am 10. Oktober 1492 zwei Mädchen die Jungfrau Maria mit einer dringenden Botschaft zur Bekehrung der Sünder erschienen war. Der Ort wurde und ist noch Ziel von Wallfahrten und religiöses Zentrum des Tals. Die ursprüngliche Kapelle wurde durch ein grösseres Gebäude ersetzt, das 1615 unter der Schirmherrschaft von Vertemate Franchi weiter ausgebaut wurde. Der Hauptaltar enthält den Stein der Erscheinung, und die Holzskulptur darüber, die das Ereignis darstellt, weist eine spezielle Ikonographie auf, die auch in zahlreichen Heiligenfi guren an den Häusern des Tals zu fi nden ist. Das Presbyterium ist mit Fresken von Domenico Caresiano da Cureglia (Kanton Tessin) bemalt (1605); ein Gemälde der Krönung der Jungfrau von Paolo Camillo Landriani, genannt “Il Duchino” (1605), zeigt in der Predelle ein reizvolles Bild der Mühle Rabbiosa in Campodolcino; ausserdem fi nden wir dort ein Gemälde des Gekreuzigten unter Franziskanern (1739) von Cesare Ligari. Die Galerie der Orgel (1673) ist ein Geschenk von den nach Palermo emigrierten Dorfbewohnern.
Caürga della Rabbiosa
Im mittleren S. Giacomo Tal befi ndet sich an der hydrographischen Linken eine geomorphologisch und in Bezug auf die Umwelt hoch interessante Stätte, die von der Region Lombardei zum “Naturdenkmal” ernannt wurde. “Caürga” ist ein Dialektausdruck (in rätoromanisch “cavorgia”), der eine schmale, tiefe Felseingrabung bezeichnet. Von oben kommend, in der Richtung des Stroms, beginnt die Caürga della Rabbiosa knapp unterhalb von der Brücke von Fracìscio (“Folópp”, 1.267 m ü.d.M.). Zwischen den steilen Wänden der über 300 m in den Gneis der Tambo-Decke gegrabenen Schlucht hat der Wildbach eine einmalige Abfolge von Stromschnellen, Quellen und Erosionstöpfen in ausserordentlichen Lageverhältnissen geschaffen. Ein letzter Wasserfall von etwa 20 m (in 1.120 m Höhe unten im Becken) mündet in eine kleine waldige Mulde mit hohen Wänden; hier verläuft der Wildbach bis zu seinem Sturz noch etwa hundert Meter in einer Schwemmebene weiter.
Museum der Via Spluga und des S. Giacomo Tals - MUVIS
Ein Gasthof aus dem sechzehnten Jahrhundert stellt den ursprünglichen Kern des “Palazz” genannten Gebäudes dar (Tabernae und die beiden darüber liegenden Stockwerke). Es wurde im Jahre 1777 vom Abt. Antonio Foppoli aus Mazzo di Valtellina erworben, einem gelehrten Literaten und Akademiker der Arcadia, bekannt unter dem Namen Rhetus CisalpinuS. Nach dem Abriss der Bauernhäuser errichtete er dort eine vom Maler Antonio Giudetti (1786) ausgeschmückte Kapelle, und darüber einen grossen Saal, Sitz der Versammlung der Familienoberhäupter des Ortsteils Corti und Acero, dessen Genossenschaft er das Haus für ewig vermachte. Im Innern des Palàzz verwahrt das Museum historische Zeugnisse und eine reichhaltige Ikonographie über die “Via Spluga”: Fracht- und Handelsbriefe aus dem achtzehnten Jahrhundert, ein voluminöses Hauptbuch eines Spediteurs aus Chiavenna (1752-1768), Originaldrucke im kompletten Satz von Meyer (Zürich, 1825), Lose (Milano, 1825), und Cole (London, 1826), die dem Splügenpass und der Strasse gewidmet sind, die dort gerade erst trassiert worden war. Die Transportabteilung ist Teil des dem Handwerk und den traditionellen Tätigkeiten des Tals gewidmeten Sektors. Von grossem Interesse ist dabei die originalgetreue Rekonstruktion damaliger Räume mit authentischen Materialien: Eine Küche aus dem sechzehnten/siebzehnten Jahrhundert und vier stüe, von denen eine, ausgeschmückt und auf 1576 datiert, früher Sitz des Gemeinderats war und der Geschichte und den Institutionen des Tals gewidmet ist. Von den übrigen drei, die allesamt aus dem achtzehnten Jahrhundert stammen, ist eine der Geschichte des “Palazz” und der Genossenschaft, dem Abt. Foppoli, und den Familien und Persönlichkeiten, die das Tal berühmt gemacht haben, gewidmet. Weitere Abteilungen sind der Frauenarbeit, den Kinderspielen, dem Bergsteigen, dem Wintersport, dem Tourismus, der Geologie, den Mineralien, den Paläoumweltbedingungen, der Fauna und der Archäologie gewidmet.
Das Ca’ Bardassa
Dieses Gebäude, dessen Namen von einem der letzten Besitzer stammt, ist ein typisches „einheitliches“ Bauernhaus, das in mehreren Stufen zwischen dem achtzehnten Jahrhundert und 1823-24 errichtet wurde und sich am Ausgang von Fracìscio befi ndet. Die Stirnseite des Wohnhauses links und des Bauernhauses rechts treffen in einem leicht spitzen und ausgenommen effektvollen Winkel an der Senkrechten des Firstes des Satteldachs aufeinander, das mit Steinschindeln (piöde) gedeckt ist. Die Madonnenfresken an der Aussenfassade oben schuf Lorenzo Maria Levi 1834. Das Kellergeschoss war für die Ställe bestimmt. Der Eingang zum Wohnhaus liegt an der linken Seite. Im Korridor (andit) befi ndet sich rechts die holzgetäfelte stüa, mit Kassettendecke mit Rosette und einem steinernen Ofen („pigna“). Links sind die Küche (chja dal foc) aus Stein und Mörtel, mit Ausguss und typischem Nebenraum (frigola), und im Anschluss daran die casera zur Milchverarbeitung zu fi nden. Eine Holztreppe führt zum Heuboden (tecc dal fen) und zum Obergeschoss: Zwei Zimmer an der Rückseite, und an der Vorderseite die stüa mit Holzbalken. Das Gebäude, das dem Verband von Gebirgsgemeinden von Valchiavenna gehört, ist als gut erhaltenes Zeugnis der Gebirgskultur Sitz des lokalen ethnographischen MuseumS.
Valle di Starleggia
Am lepontinischen Hang (hydrographische Rechte) des S. Giacomo Tals öffnet sich dieses Tal mit einer Breite von etwa 6 km2, das geomorphologisch, ethnographisch und in Bezug auf die Umwelt von grossem Interesse ist. Es besteht aus einem hohen Becken, in das die Wildbäche Sancia und Riä fl iessen, die im Westen durch die Wasserscheide von Misox Tal (Pizzo Quadro, 3.015 m ü.d.M.) geschlossen und im Osten abrupt am Rand (Fìl de la Fóina, Filo della Faìna) der hohen Böschung unterbrochen werden, die es vom Haupttal trennt. Daher stammt auch die einmalige Morphologie eines „schwebenden“ Tals, die wohl eher durch die Gravitationstektonik (grandiose, parallel zum Lauf des Liro verlaufende Brüche) als durch Gletscherverformung entstanden ist. Gleich im Norden erstreckt sich die Erhebung "Pian dei Cavalli".
Pian dei Cavalli
Die Variante der Strecke, die sich ausgehend von der “Via Spluga” in Richtung Westen nach dem Tal Val Mesolcina über den Baldiscio-Pass erstreckt, kommt an einem vom archäologischen und geomorphologischen Standpunkt aus hochinteressanten Ort vorbei: Pian dei Cavalli. Zwischen Campodolcino und Isola liegt diese etwa 5 qkm grosse Kalkhochebene auf 2.000 bis 2.200 m Höhe. Sie besteht überwiegend aus hellem Marmor, auf dem sich basische Böden entwickeln, die von Vegetationsarten wie Kohlröschen und Edelweiss besiedelt werden, die dieses Substrat brauchen. Diese mesozoischen Felsen (etwa 240 - 180 Ma) bilden eine etwa 100 m dicke “Platte” zwischen den undurchlässigen Schichten der kristallinen Sockel (Tambo-Decke, darunterliegend, und Suretta-Decke).
Letztere ist von der Erosion auf die Gneis- “Klippe” des Monte Tignoso reduziert worden. Die Struktur des Pian dei Cavalli erkennt man vom Saumpfad aus, der von S. Sisto links von der karstigen, Val dî Bój genannten Talmulde (Valle delle Risorgive) aus ansteigend die Grotten de la Ciairìna (della Chiarina) streift. Am nördlichen Abhang der Mulde S. Sisto wird der Kontakt zwischen den Gneisfelsen des Sockels und dem Marmor durch eine subhorizontale Ausrichtung von Quellen hervorgehoben. Abhängig von der Geometrie der Sedimentbruchstücke am Gestein des Sockels bildet die geologische Landschaft überaus reizvolle Formen unterschiedlicher Abmessungen.
Die helleren Marmore, die jedoch eine deutliche gelbe Komponente an den Alterationsfl ächen aufweisen, bilden ungewöhnliche Erhöhungen wie die “Zigarre” am Gebirgskamm, der im Norden das Valle della Sancia schliesst, und die “Schüssel” auf 2.490 m Höhe, zwischen dem Monte Tignoso und dem Barna-PasS.
Die Marmorbrüche lassen lange Karrenfelder neben weiteren Formen oberfl ächlicher Karsterscheinungen, wie Niederungen an den Stellen der stärksten Infi ltration, die manchmal kleine Wasserspiegel bilden, entstehen.
An der nordöstlichen Seite der Hochebene öffnet sich das Buco del Nido, ein sich über etwa 4 km erstreckendes karstiges System mit 130 m Höhenunterschied. Ganz in der Nähe fl iesst ein kleiner Bach, dessen Lauf man von der Quelle bis zum Karstbrunnen, der ihn zum unterirdischen Umlauf führt, folgen kann. Dank der zwischen 1986 und 2000 von Prof. F. Fedele geleiteten Untersuchungen hat sich die Hochebene Pian dei Cavalli als eins der interessantesten Areale für die Kenntnis der ältesten alpinen Bevölkerung erwiesen. Gruppen mesolithischer Jäger besuchten die Hochebene schon vor 10.500 Jahren, gleich nach dem letzten Eiszeithöhepunkt (Kasten 3). Ihre Spuren wurden in etwa dreissig verschiedenen Ortschaften mit Funden von Manufakten entdeckt, die Spuren mit Splittern aus lokalem Quarz und Kieselstein ausländischer Herkunft aufwiesen. Wahrscheinlich überquerten diese Gruppen gewohnheitsmässig die nahe Haupttrennungslinie der Alpen. Die Lage der Stätten und die Typologie der Siedlungen lassen vermuten, dass die Erforschung des Territorium und die Anwesenheit von Wild zu den Hauptgründen der mesolithischen Frequentation gehörten. Vor etwa 8.000 - 9.000 Jahren machte das Vorrücken der Wälder bis auf eine grössere Höhe als bisher ein Durchqueren dort unmöglich und setzte einem ausserordentlichen Kapitel der alpinen Vorgeschichte ein Ende. Ein von Informationsschildern fl ankierter Parcours und ein Leitfaden mit Landkarten ermöglichen es dem Besucher, diese Spuren im Boden zu erkennen.
Die Travertine von Madésimo und Isola
Im oberen Val S. Giacomo treten Felsen zutage, die sich als Datenregister für das Studium der Klimaänderungen eignen. Es sind die Travertine, d.h. Hangablagerungen, die an mineralisierten Quellen aus der Verkrustung von Kalziumkarbonaten entstehen, wie sie typisch für die Vulkangebiete des Apennins (berühmt sind die von Tivoli) und sehr viel seltener im Silikatgestein der Alpen sind. Die Travertine von Val S. Giacomo liegen an den Seiten des Bergrückens der Andossi, zwischen dem östlichen Ufer des Isola-Sees und der Staatsstrasse 36, auf Höhen zwischen 1.240 und 1.630 m ü.d.M.; auf etwa 1.600 m ü.d.M. in der Ortschaft Casone im Tal des Wildbachs Scalcòggia bei Madésimo, gleich unterhalb von Valcava. Im Substrat herrscht Marmor vor, der gebrochen und von einem Wasserumlaufsystem betroffen ist, auf das die zahlreich vorhandenen Quellen zurückgehen. Unter diesen sind einige stark mineralisiert, mit einer (in Valchiavenna einmaligen) Zusammensetzung aus Kalzium-Magnesium-Sulfat, was den chemischen Austausch mit löslichem Gestein
beweist. Die Quellgewässer haben an mässig geneigten Hängen zu einem nahezu ununterbrochenen Aufbauprozess geführt, der "live in Aktion" beobachtet werden kann. Die Travertinablagerungen, die weich und schwammig, aber vollkommen versteinert sind, sind Felsgestein aus kontinentaler Umgebung und quartärer Zeit, deren wohlbekannte klimatische Schwankungszyklen in den Sedimenten der ganzen Welt am besten nachweisbar sind. Die Travertine zeigen die Schwankungen in der Wasserführung der Quellen durch ihre Konzentration an aufgelösten Salzen. Ausserdem nehmen sie zahlreiche organische Reste (vor allem
Pollen) auf, die ihre Datierung gestatten. Chemisch-physikalische Formationsänderungen werden ebenfalls registriert und können durch das Studium der isotopen Verbindungen des Kohlenstoffs und des Sauerstoffs verdeutlicht werden. Wegen ihrer Einzigartigkeit sind die beiden Aufschlussgebiete in die Liste der naturwissenschaftlich interessanten Stätten aufgenommen worden, die als Geo- und Biotope schützenswert sind. Sie sind leicht zugänglich und beispielhaft für die Versteinerungsprozesse von organischen pfl anzlichen Resten. Die Ablagerungen haben zudem die Entwicklung einer hoch spezialisierten Nischenvegetation gefördert, die imstande ist, den in den Gewässern vorhandenen hohen Mineralkonzentrationen zu widerstehen.
Borghetto
In Borghetto wurden Spuren aus der Mittelsteinzeit und der jüngeren Vorgeschichte (etwa 8.000 bis 2.000 Jahre alt) gefunden. Einige Stätten wurden ab 1988 ausgegraben: Die bedeutendste ist Lavazzé, auf 2.100 m Höhe zwischen Borghetto und dem Baldiscio Pass, wo der Sockel einer Steinhütte, ein Felsblock mit “Kupellen” und Spuren von Lagern von einer mehrere Jahrtausende währenden Frequentation dieser Gegend zeugen. Borghetto ist eine Weide auf der Alm, die in drei getrennte Ortskerne unterteilt und der beste Ausgangspunkt für Durchquerung von Misox Tal in Richtung des Baldiscio Passes ist.
Montespluga
Jenseits des Monte Càrdine, der einen echten Knotenpunkt der heutigen und der fossilen Hydrographie des Oberen S. Giacomo Tals darstellt, liegt eine der typischsten Siedlungen der Route: Montespluga. Die Berghütten kauern sich an der nördlichen Grenze der grossen Hochebene entlang, die nach den 1930er Jahren von dem künstlichen See eingenommen wurde, zwischen dem fl achen Val Loga, das vom Tambohorn (3.279 m ü.d.M.) im Westen und dem Massiv des Surettahorn, (3.027 m ü.d.M.) im Osten überragt wird. Mindestens ab dem Hochmittelalter gab es hier einen Gasthof für Wanderer, der ab dem vierzehnten Jahrhundert Ca’ de la Montagna genannt wurde und ganzjährig geöffnet war. In Drucken aus jener Zeit gehört er zu einer Zeile von Reihenhäusern,
in der sich noch heute Hotels und das bei Eröffnung der Strasse (1822) vergrösserte Zollamt aneinanderreihen.
Gegenüber beherbergt ein Gebäude aus der selben Zeit die Kaserne und die Kapelle S. Francesco, in der ein Gemälde verwahrt wird, das den “heiligen Franziskus, der die Stigmata erhält” darstellt und von dem damals in Mailand tätigen böhmischen Maler Giovanni Pock stammt.
Der Sengio
Zwischen den Mündungen der Wildbäche Scalcòggia und Febbraro verengt sich das S. Giacomo Tal durch eine hohe Felswand an der Linken, die Sengio genannt wird. Von der Talsohle her zeigt sie sich als Hindernis; nach oben hin bilden die Felsen die von den Gletschern geformte Terrasse, auf der der Ort Pianazzo liegt. Eine schlimme Überschwemmung des Liro führte 1834 zur Aufgabe der Talsohle zugunsten einer Trasse auf halbem Hang. Die Wand des Sengio beeinfl usste die Entwicklung der Verkehrsstrasse und setzte umfassende Arbeiten zur Durchführung des Tunnels voraus, wobei auf geringem Raum ein Höhenunterschied von 300 m überwunden werden musste. Die Abgeordneten der sechs Häfen, versammelten sich in Campodolcino am 12. August 1678 und bestimmten, …dass die oben genannte Strasse angelegt werde(…). Zu diesem Zweck wurde dies einem Tiroler Meister übergeben, welcher kundig ist im Schneiden des oben genannten Sengio“. Der Meister führte die Arbeit unter Verwendung von Minen binnen dem darauffolgenden Jahr aus.
Die Strasse aus dem Jahr 1714
Den hochmittelalterlichen Trassen folgend, stieg die „Spluga“ von Campodolcino die Talsohle hoch bis nach Isola, wo sie dann in die Cardinello Schlucht mündete. Die ersten Modernisierungsarbeiten gehen auf das Jahr 1714 zurück (RIEDI, 2007). Die heutige Strasse, die durch eine landschaftlich besonders reizvolle Gegend führt, gehört zu den eindrucksvollsten Strassenbauten der gesamten Alpenkette und ist in etwa zehn Drucken und Aquatintastichen abgebildet. Über längere Strecken, in Sicht der Bohrlöcher und zahlreicher Einschnitte mit Zeichen und Daten, ist sie als Halbgalerie eingeschnitten und mit grossen Stufen in den lebenden Fels gehauen. Unterhalb, an der steilen Wand, wird sie durch hohe Trockenmauern getragen. In der Ikonographie jener
Zeit erscheint sie als ausgerüstet mit Geländern und Steinschlag- und Lawinenschutzdächern. Seit jeher als äusserst gefährlich (besonders bei schweren Schneefällen) angesehen, erlebte sie im Winter des Jahres 1800 den Durchzug der Truppen des französischen Generals McDonald, der Napoleon aus der Schweiz zu Hilfe eilte, welcher gerade mit dem zweiten italienischen Feldzug beschäftigt war. Wegen der heftigen Schneefälle wurde der Durchzug von zahlreichen Unfällen verdüstert, bei denen Dutzende von Soldaten, Tieren und Gepäckstücken von den Lawinen fortgerissen wurden. Das Echo darauf war gross und die Episode wurde in Drucken der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mehrfach dargestellt. Die von Donegani zwischen 1818 und 1821 trassierte Strasse löste schliesslich alle Probleme, doch soll ihrer hier als herausragender Beweis territorialer Architektur gedacht werden, und zwar sowohl in der ersten Ausführung, in der sie sich bis Isola an die Talsohle hielt „Strada di sotto“ und nach einer bewundernswerten Reihe von Serpentinen Pianazzo erreichte,
um dann in einiger Entfernung, unter dem Dachgrat der Andossi die „Strada di sopra“ zu fl ankieren, als auch mehr noch in der zweiten Version von 1838, mit der Variante von Stutz und der Wahrung des Steinbogens und des Sengio, der mit einem einzigen Blick vom Aussichtspunkt von Starléggiabewundert werden kann.
Der Kurier von Lindau
Im Anschluss an den Durchstich der Viamala wurde ein Kurierdienst über den Splügenpass, Chiavenna und Como nach Mailand eingeführt, der von Lindau aus startete, damals freie Stadt und bedeutendes Handelszentrum am nördlichen Ufer des Bodensees. Ab 1518 sicherte der “Kurier von Lindau” einen regelmässigen Handelsverkehr, und zwar laut einem zwischen der “Universitas Mercatorum” von Lindau und der von Milano abgeschlossenen Vertrag, der mit Ausnahme einer Unterbrechung zwischen 1813 und 1820 bis 1826 gültig blieb. Hierbei handelte es sich um eine “Karawane”, geleitet und unter der Verantwortung eines Mitglieds der Familie Spühler, die Waren, Passagiere, Geld, Wertgegenstände und Post transportierte und diverse Verkehrsmittel
(Kutschen und Karren, Lastkähne, Pferde und Lasttiere), je nach den Eigenschaften der jeweiligen Strecke benutzte. Er startete jeden Montag morgen von Lindau aus und kam samstags in Mailand an, wobei er im Hotel Albergo dei Tre Re an der Porta Romana übernachtete und dann am Mittwoch wieder zur Rückreise aufbrach. Zahlreiche Persönlichkeiten nutzten den Kurier, darunter Goethe, von Mittwoch, dem 28. Mai 1788 bis Montag, den 2. Juni, bei seiner Rückkehr von der italienischen Reise, wie ihm die Malerin Angelika Kauffmann geraten hatte, die er bei seinem Aufenthalt in Rom getroffen hatte.
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