Die antiken Strassen „Via Prìula“ und „Via Spluga“ ausgehend
vom südlichen Hang der Orobischen Alpen zu
begehen, um den Kanton Graubünden zu erreichen, bedeutet
grosse Höhenunterschiede zu überwinden und
eine Reihe von bestimmten ökologischen Abfolgen zu
durchqueren, das heisst von Ökosystemen, die sich jeweils
durch eine besondere Vegetation und Fauna auszeichnen
und sich je nach Höhenlage und Klimaverhältnissen
aneinanderreihen. Es handelt sich dabei in vielen
Fällen um besonders interessante Ökosysteme, die verschiedenen
Umweltschutzmassnahmen unterliegen, um
ihre naturwissenschaftlichen Haupterscheinungsformen
zu wahren.Die Trasse der „Via Prìula“ windet sich durch
zwei wichtige Naturschutzgebiete der Region Lombardei:
Den Parco Regionale delle Oròbie Bergamasche
und den Parco Regionale delle Oròbie Valtellinesi (Regionalpark
der Bergamaskischen Orobischen Alpen
und Regionalpark der Veltliner Orobischen Alpen). Am
Ausgangspunkt im Tal Val Brembana kann man auf der
Strecke frische, schattige Laubbaumwälder bewundern,
die sich durch Buchen, Steinbuchen, Nussbäumen, Erlen,
Eschen und Birken auszeichnen, die nach 1000 m
Höhe durch Nadelbaumwälder ersetzt werden, in denen
bis auf etwa 2000 m die Rottanne vorherrscht. Das Gebiet
Gemeinschaftlicher Bedeutung GGB (Sito di Importanza
Comunitaria - SIC) Val Parina wird von der Route
nur gestreift, während der Anstieg in Richtung des orobischen
Kamms, vor allem über die Variante des Tals
Val Mora, oberhalb von Averara, das GGB „Valtorta und
Valmoresca“ durchquert, mit einer endemischen Spezies,
die an der Talsohle entlang wächst (Sanguisorba
dodecandra). In der Nähe des S. Marco Passes weicht
der Wald dichtem Gebüsch aus rotblättriger Alpenrose,
wo es eher feucht und schattig ist, oder aus Wacholder,
wo es trocken und sonnig ist. Diese wechseln sich beide
jeweils mit Grasflächen ab, die an sonnenbeschienenen
Hängen aus Wiesenschwingelfeldern bestehen, einem
Grasland aus grobem Büschelngras, zwischen denen
im Frühling die haarigen Stile der Alpenanemone - die
Korollen aus weissen Blütenblättern trägt wächst, und
in denen sich ein Herz aus dichten gelben Stabblättern
verbirgt - oder die blauen Kelche des Enzians (Gentiana
kochiana) hervorlugen. Wo das Gelände ebener wird,
besteht das Weideland vorrangig aus gemeinem Lavendel,
in dem unter anderem die unverwechselbaren orangefarbenen
Köpfchen der Arnika und die auffallenden
Büschel aus gelben Blumenkronen mit violetten Flecken
des gepunkteten Enzians (Gentiana punctata) blühen.
In den Talkesseln begünstigen Wasseranstauungen
die Entwicklung kleiner Torfgruben, wo Sumpfmoos,
Moos, Binsen und Riedgras durch die hellen, flaumigen
Federbüschel des Wollgrases belebt werden. Nach
Überquerung des Passes führt die Strasse weiter in den
Regionalpark der Veltliner Orobischen Alpen hinein und
insbesondere zum GGB des Tals Valle del Bitto di Albaredo.
Bergab trifft man rückwärts wieder auf die selben
Umweltverhältnisse, die man beim Anstieg von Valle
Brembana aus schon vorgefunden hat: unterhalb der
Weiden das Gebüsch aus Alpenrosen oder Wacholder,
dann dichte Nadelbaumwälder und noch weiter unten
Laubbaumwälder.
An beiden orobischen Hängen ist eine breit gefächerte
Fauna heimisch, die häufig aus seltenen, geschützten
Arten besteht, die jedoch leider nicht immer leicht zu
erkennen sind. Gelingt es mit einem bisschen Aufmerksamkeit
und Glück, in grösseren Höhenlagen Steinböcke
zu entdecken, oder auf den Weiden Gruppen von
Gemsen, kann man auf hochgelegenen Wiesen und
Weiden unschwer Murmeltiere beobachten, vor allem,
wenn sie ihre typischen Alarmsignale ausstossen, die
schrillen Pfeiftönen ähneln, deren Zweck es ist, ihre
Gefährten davor zu warnen, dass am Himmel die Umrisse
des Steinadlers aufgetaucht ist, der die Warmluftströme
nutzt, um langsam auf der Suche nach Beute
über ihren Köpfen zu kreisen. Im Gegensatz dazu sind
andere hoch-interessante Spezies sehr viel scheuer und
zurückhaltender. Dies ist der Fall beim Birkhuhn (Lyrurus
tetrix), der in den Gebüschen an der oberen Waldgrenze
heimisch ist, und beim Auerhahn, der in den Nadelbaum-
und Mischwäldern lebt. Obwohl beide Vögel
nicht gerade klein sind, sind sie überaus diskret und
scheu, ausser in der Balzzeit, wenn sich die männlichen
Tiere auf Lichtungen und offenen Flächen versammeln,
die „Balzarenen“ genannt werden, um gegeneinander
um die Eroberung der Weibchen zu kämpfen. Nach
dem Abstieg in die Veltliner Talsohle bei Morbegno und
wenige Kilometer weiter nach Westen, erreicht man die
Kreuzung zwischen dem Veltlin, Valchiavenna und dem
Oberen Comer See, wo sich die Ebene Pian di Spagna
erstreckt, die zusammen mit den Gewässern des Mezzòla
Sees nicht nur durch ein von der Region Lombardei
eingerichtetes Naturschutzgebiet, sondern auch durch
die Anerkennung als Gebiet gemeinschaftlicher Bedeutung
und als Sonderschutzgebiet im Rahmen des Netzwerks
„Natur 2000“ geschützt wird. Hier gedeiht die
seltenste Vegetation entlang von Streifen, die parallel
zum Hauptwasserlauf verlaufen; sie besteht aus Röhricht
mit Sumpfschilf, das in Richtung des Ufers in Riedgrasfeldern
übergeht, Wiesen, die sich aus Riedgrasbüscheln
zusammensetzen und nur bei hohem Wasserstand
des Sees überschwemmt werden. Die monotonen
Farben dieser Gegend (grün im Frühling und Sommer
und gelb im Herbst) werden im Laufe der Jahreszeiten
vom lebhaften Gelb der Wasserlilien und vom Purpur
des Blutweiderichs durchsetzt. Die spektakulärsten Blüten
gehören jedoch den Blattflächen der Wasserpflanzenteppiche,
die noch auf einigen Kanälen oder an Teilen von Seeufern zu finden sind. Hierbei handelt es sich um
auf dem Wasser schwimmende Vegetationsteppiche,
die jedoch dank langer, Stiele fest am Boden verankert
sind und unter denen besonders die grossen weissen
Blütenkronen der Seerose und die kleineren, runden der
gelben Teichrose auffallen. Dieses Mosaik aus Erde und
Wasser ist das ideale Biotop insbesondere für Scharen
von Zugvögeln, die zweimal jährlich die hohe Mauer der
Alpen überwinden, um zwischen den Nist- und Überwinterungsorten
hin- und her zu fliegen. Und gerade im
Winter wimmelt es in den Gewässern und im Schilf des
Naturschutzgebiets von bunten Exemplaren verschiedener
Wasservögel, wie der Stockente, der Knäkente, der
Pfeifente, der Reiherente, der Tafelente und der überaus
seltenen Moorente. Geht man dann durch das Valchiavenna
Tal, um die Via Spluga zu erreichen, fällt der Blick
besonders auf die ersten Seitentäler des linken hydrographischen
Ufers, die ebenfalls von „Natur 2000“ geschützt
sind: die Täler Valle dei Ratti und Val Codera.
Der untere Teil dieser Hänge wird in der Tat durch eine
Vegetation besiedelt, die submediterran genannt wird,
weil sie sich durch das Vorhandensein einer normalerweise
mediterranen Vegetation auszeichnet, wie Büsche
von Erica arborea, die sich zu Beginn des Frühjahrs in
Wolken weisser Blümchen verwandeln, und die Büschel
mit Ziströschen mit Salbeiblättern, die im Mai blühen.
Ausgehend von Chiavenna verlässt man die Talsohle
und beginnt mit dem Aufstieg in Richtung des Splügenpasses.
Hier trifft man wieder auf die ökologische
Reihenfolge von Laubbaumwäldern, gefolgt von Nadelbaumwäldern,
und weiter oben von Gebüsch, das
dann seinerseits in hochgelegenes Weideland übergeht.
Knapp oberhalb des kleines Dorfs Montespluga und bis
hinter der Schweizer Grenze sind die Wiesen im Frühling
mit prachtvollen Blüten übersät, unter denen die Teppiche
der rosa Korollen der Alpenazalee und der roten
Primeln auffallen, während man schon etwas genauer
hinsehen muss, um das kleine Alpenfettkraut zu erkennen,
winzige fleischfressende Pflanzen, die ihre Beute
dank ihrer klebrigen Blätter einfangen. Dieses Milieu
wird von zahlreichen kleinen Vögeln aufgesucht, die
hier am Boden nisten, wie der Steinschmätzer und der
Wasserpieper, die Lerche und die prachtvolle Steindrossel,
deren Männchen ein auffallendes, schiefergraues
Federkleid auf dem Rücken und ein orangefarbenes an
Brust und Bauch aufweisen. Nach dem Splügenpass
fällt die Route noch einmal ab und durchläuft die mittlerweile
bekannte Sequenz immer wieder grandioser
Naturschauspiele, bis sie schliesslich in der Talsohle
Chur erreicht.
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